Wandern an der Ostsee?

von Jens Hansel (Kommentare: 0)

Nettes Zusatzangebot oder echter Urlaubshöhepunkt beim Urlaub am Meer?

Spazierweg in einem Kolberger Park. Foto: Kolberg-Café
Spazierweg in einem Kolberger Park. Foto: Kolberg-Café

Wer wandern möchte, fährt in die Alpen. Oder zumindest in den Bayrischen Wald. Oder, weiter östlich, in die Tatra oder ins Riesengebirge. Irgendwohin jedenfalls, wo Berge sind. Jüngst überraschte mich die Frage eines Bekannten, ob Wandern auch für Ostseeurlauber attraktiv sei.

Sicher, auf unserer Internetseite gibt es eine kleine Rubrik mit dem Titel „Wanderungen und Spaziergänge“. Aber ehrlich gesagt: So richtig intensiv haben wir uns darum in Sachen „Wandern“ nicht gekümmert. Als Foto abgebildet haben wir darüber den Kolberger Laubengang, eine idyllische Parksituation. Spaziergänge und Park, beides deutet schon darauf hin, dass wir in der Rubrik keine herausfordernden Wanderungen vorstellen, sondern Routen wie einen Spaziergang auf den Spuren der Festung Kolbergs, den Jan-Frankowski-Wanderweg in den Vorort Budzistowo oder den Ostsee-Wanderweg an der Küste. Zwei Wanderwege haben wir vom Tourismusamt übernommen, sind diese aber noch nicht selbst gewandert: Den Salz-Wanderweg (gut 22 Kilometer eine Strecke) und den Wanderweg durch das Parseta-Tal (16 Wander- , 20 Buskilometer). Dass wir diese etwas längeren Routen noch nicht selbst wanderten, hängt auch damit zusammen, dass sich der Eindruck der stiefmütterlichen Behandlung von Beschilderung und Wegzustand bei uns beim ersten Antasten aufdrängte. Es hängt aber auch damit zusammen, dass nach unserer Einschätzung Wandern für Ostseeurlauber eher kein Thema ist.

Touristisch attraktive Ostsee-Wanderungen?

„Ist ein Wanderweg für Gäste an der Ostsee touristisch attraktiv“ war ein Teil der Frage, der mir gestellt wurde. Der andere Teil: „Wie müsste ein Wanderweg beschaffen sein, damit er auch genutzt und weiterempfohlen wird“. Darüber hatte ich mir zuvor tatsächlich nur wenige Gedanken gemacht. Bei den bislang vorgestellten Wanderwegen stand - wenn diese nicht von der Tourismusbehörde vorgeschlagen sind - immer ein Ziel im Fokus: Das Erreichen von Sehenswürdigkeiten. So gelangt man beim Frankowski-Wanderweg - der eigentlich ein größerer Spaziergang ist - zum kleinen Schlösschen und zur alten Kirche von Budzistowo. Beim Ostsee-Wanderweg erlebt man die Küstenlinie, beim Festungsrundgang passiert man beinahe alle Relikte der früheren Festung. Insbesondere die Festungsroute kommt gut an, das wissen wir: Also dürfte ein Kriterium für eine interessante Strecke das Erreichen von Sehenswürdigkeiten sein.

Was das Wandern in den Bergen spannend macht, sind die abwechslungsreichen Landschaften und die Perspektiven auf Gipfel, Täler und unterschiedliche Vegetationen. Naturgemäß ist die Variabilität der Landschaft an der Ostsee geringer, so dass mehrtägige Wanderungen zumindest in diesem Punkt wohl eher in den Bergen stattfinden. Auch die sportliche Herausforderung ist mit An- und Abstiegen natürlich größer als auf Strecken, bei denen höchstens die Anhöhen der Dünen oder der sandige Untergrund das Vorankommen erschweren.    

Es gibt also durchaus Gründe, warum klassisches Wandern in den Bergen stattfindet. Sieht man sich auf der Wanderweg-Karte des Deutschen Wanderverbands um, wird schnell klar: Viel Auswahl an Wanderregionen, Fernwanderwegen und Qualitätswanderwegen gibt es im Süden und Westen der Bundesrepublik. An der Ostsee findet man gerade mal drei kleine Pünktchen auf der Karte. Davon ist einer der auch nach Polen reichende (und bei uns teilabschnittsmäßig vorgestellte) Ostseewanderweg E9, ein Fernwanderweg. Daneben findet man zwei Wanderregionen: Rügen und Mecklenburg-Vorpommern.     

Schaut man beim polnischen Pendant zum Angebot des Deutschen Wanderverbands, der Seite Polskie Szlaki, so findet man an der Ostsee keinen einzigen Wanderweg. Insgesamt sind in Polen allerdings auch nur 12 Wanderregionen eingetragen, deutlich weniger als in Deutschland. Das Fremdenverkehrsamt Polens führt immerhin einen Leuchtturm-Wanderweg (Polnisch) auf, der jedoch weitgehend dem Ostsee-Wanderweg (in anderen Abschnitten) entspricht.  

Wandern als Höhepunkt einer Ostseereise?

Meine Bestandsaufnahme zeigte wenig Angebote in Sachen Wandern an der Ostsee. Ist dies das Ergebnis oder die Ursache, dass es wenig Wanderer dort gibt? Die Vermutung, dass es Ursache und Ergebnis zu ungefähr gleichen Teilen sind, liegt nahe. Zunächst einmal ist die Motivation für Urlauber, an die Ostsee zu reisen, eine andere als bei Bergurlaubern: Meer, gute Luft, vielleicht Bademöglichkeiten oder Strandspaziergänge stehen im Fokus. Gerade die Zugänglichkeit der Landschaft ohne Anstiege und Gefälle ist für weniger mobile Menschen ein weiterer Grund für den Urlaub am Meer.

Dem gegenüber steht das mangelnde Angebot und die stiefmütterliche Behandlung der vorhandenen Routen: In unserem Beitrag zum Frankowski-Wanderweg wird deutlich, dass die Planer der Wanderstrecke kein Problem damit hatten, auch ein größeres Teilstück entlang einer befahrenen Straße zu führen. Wir haben damit aber ein Problem. Und vermutlich auch einige andere Urlauber, so dass auch kaum jemand auf die Idee kommt, größere Spazierwanderungen zu unternehmen.

Perspektiven für das Wandern in und um Kołobrzeg (Kolberg)

Unwahrscheinlich ist ein Trend zum Wanderurlaub an der Ostsee. Für den Ausbau der Wanderwege zu einem ähnlich dichten und gleichsam attraktiven Netz wie in den Bergen fehlen - das muss man in aller Deutlichkeit feststellen - die landschaftlichen Voraussetzungen. Zwar gibt es einige wenige sehr spannende Strecken, aber diese sind ersten selten und zweitens meist zu kurz für Tagestouren. Darüber hinaus sind die Alternativen für die Freizeitbeschäftigung dank des Meeres zu stark.

Allerdings, und dort sehe ich das Potenzial, ist die Nachfrage nach kurzen Wanderungen (2-6 Stunden) groß, so sie denn zu interessanten Zielen führen und sich in den Ostseeurlaubstag integrieren lassen. Das bedeutet: Der Weg muss gut vom Standort (Hotel, Pension, Campingplatz o.ä.) erreichbar sein, ein Rundweg sein (ohne Transfers mit öffentlichen Verkehrsmitteln) und landschaftlich attraktiv sein. Darüber hinaus ist eine durchgängige Beschilderung, eine sorgfältige Dokumentation (zum Beispiel im Internet und auch auf den einschlägigen Wanderportalen) erforderlich und es sind nützliche ergänzende Informationen zum Beispiel zu den Sehenswürdigkeiten, zur Landschaft sowie zu Checklisten für Wanderer bereitzustellen.

Erforderlich wäre also ein Angebot von etwa zehn Wanderrouten in Kołobrzeg mit einer Wanderzeit von zwei bis sechs Stunden, mit attraktiven Landschaften und Sehenswürdigkeiten sowie guter Erreichbarkeit. Gepaart sein müsste dies mit einer Präsenz auf den Internetseiten und in den Printmedien der Tourismusregion sowie auf den landesweiten und auch deutschsprachigen Wanderportalen, natürlich mit einer mehrsprachigen Beschilderung. Gäbe es ein solches Angebot, ist die Nutzung durch Urlauber sowie durch Jogger (auch unter den Urlaubsgästen) zu erwarten. Es handelt sich weiterhin um eine touristische Aufwertung mit Chance zur Gewinnung naturaffiner und sportorientierter Menschen als Urlaubsgäste.

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