Disneyland an der Ostsee

von Jens Hansel (Kommentare: 0)

Eine Zeitung befindet über die Architektur in Kołobrzeg (Kolberg)

Die nowa Starowka in Kolobrzeg (Kolberg). Foto: Kolberg-Café
Daie nowa Starowka in Kolobrzeg (Kolberg)

'Popmoderne Architektur' und 'Häuser mit Zipfelmützen' fände man in Kołobrzeg (Kolberg), wo es aussähe wie im 'Disneyland'. Das schreibt die WELT in einem Beitrag zum Thema Stadtplanung und wählt als Bebilderung ein Foto von der neuen Altstadt, der nowa Starówka, in Kołobrzeg. Was ist dran?

Als 'bunt und vielfältig' auf den Grundmauern der im Krieg gefallenen Häuser beschreiben wir das städteplanerische Konzept des Wiederaufbaus der neuen Altstadt in Kołobrzeg bei uns auf der Internetseite. Das ist erst einmal nicht so weit weg vom Tenor des WELT-Artikels 'Warum sieht Polen eigentlich wie Disneyland aus'. Wenn auch etwas zugespitzter. So konstatiert Dankwart Guratzsch, der WELT-Redakteur, dass seit den Achtzigerjahren Wohnbauten mit Fassaden in greller Buntheit emporwuchsen, er referenziert auf die vielen Schmuckelemente, unterschiedlichen Bauhöhen und Eintrittshöhen, bekrönende Ziegeldächer und die fast immer vorgesehenen Ladenlokale im Erdgeschoss. Das ist die neue polnische Altstadt, richtig. Wie wir auch immer wieder feststellen: So funktioniert sie, so lebt sie.

Eben nicht verkehrsgerecht

Interessant seine Feststellung, dass durch den in den Jahren entstandenen Quartierszusammenhang der früher einzeln errichteten neuen Gebäude auf den alten Mauern eine Abkehr vom Ideal der verkehrsgerechten Stadt erkennbar sei. Darüber hatte ich mir noch nie Gedanken gemacht. Aber: Wer heute versucht, mit dem Auto durch Kolobrzeg zu fahren, wird beherzt zustimmen. Zumindest im Bereich der neuen Altstadt. Vor dem Krieg hatte eben niemand die Straßenzüge auf Autoverkehr getrimmt, langgezogene Fassaden vorgesehen und breite Fuhrstraßen. Vielleicht ist gerade das ein Grund, warum - auch ohne große Fußgängerzone - die Kolobrzeger Altstadt eigentlich immer bevölkert ist. Auch ohne Touristen, auch an normalen Alltagen?

Richtig ist auch Guratzschs Feststellung, dass an dieser Altstadt nur noch Fluchtlinien, Parzellenstruktur und Gebäudehöhen historisch sind. Der Rest ist, wie wir es bezeichnen, modern interpretiert. Bei Guratzsch ist es Postmodern. Innen sind wir uns wieder einig: Die Inneneinrichtung dieser Wohnungen in der neuen Altstadt ist fast immer sehr modern: Offene Wohnküchen sind Standard, moderne Bäder auch, große Fenster (soweit möglich) und viele Lichtspots gehören dazu. Wohl dem, der eines der wenigen Urlaubsmietappartments in der neuen Altstadt ergattert: Der kann das direkt erleben. Nicht, dass die strandnah gelegenen Hotel-Appartements schlecht wären; im Gegenteil. Aber so mittendrin wie die Appartments in der nowa Starowka können und wollen sie nie sein.

Aufbau ohne Historisierung

Eine Besonderheit hat Kolobrzeg, auch nach dem WELT-Bericht: Es ist wohl eine der Pionier-Innenstädte, die nach diesem Muster entstanden. Die meisten anderen Städte machten das gleiche, aber einige Jahre später. Da kommt sie wieder, die Identitätsfrage, die auch Dankwart Guratzsch aufwirft: Kann es sein, dass man hier (zwischen Szczecin (Stetttin) und Kolobrzeg) bewusst auf eine geschichtsgetreues Wiederaufbauen wie etwa in Gdansk (Danzig) verzichtet hat, weil diese Städte vorher nie lange polnisch waren und damit auch keine polnische Architektur aufweisen konnten? Oder ist es doch eher das Ziel, es so zu machen wie vorher, nur besser - "wie man es sich gewünscht hätte"? Wahrscheinlich ist es beides: Ein bisschen Geschichtsrekonstruktion und politikfreies Bauen, ein bisschen Sehnsucht. Und wahrscheinlich gibt es noch einen dritten Grund: Pragmatismus. Es war einfach praktisch, Bewährtes mit Neuem zu kombinieren.

Faszinierend aber lese ich Guratzschs Fazit. Das lautet: "In ganz Westeuropa gibt es nichts Vergleichbares. In der aufgesetzten Buntheit, dem Changieren zwischen Exaltiertheit und Banalität, Comic-Haftigkeit und Provokation scheinen diese "neuen Altstädte" den üblichen wissenschaftlich abgesicherten Rekonstruktionen untergegangener Altstädte weit weniger verwandt als etwa Bildwerken eines Andy Warhol (der mit ihnen das Herkunftsland Polen teilt) oder Roy Lichtenstein."

Schien ich das Stadtbild bisher Besuchern gegenüber immer rechtfertigen zu müssen ("es ist nicht herausgeputzt, kein Museumsstädtchen..."), kann ich nun darin mit Fug und Recht etwas Besonderes, etwas Eigenes und etwas Selbstbewusstes erkennen. Im Beitrag schreibt Guratzsch dazu, dass diese Architektur eine kritische Grundhaltung zu Historisierung, Hochkultur, Popularität und Pathos habe. Eine imaginäre Welt, die Altstadt als 'Erzählung', so schließt der Autor.

Ja.

 

 

 

 

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