
Der Wasserturm Kolobrzegs (Kolbergs) ist weitaus älter als die umliegenden Gebäude. Warum das so ist, erklärt die wechselhafte Stadtgeschichte.
...wichtig zu wissen: junge und alte Vergangenheit
Über wichtige Stationen der Stadtgeschichte lesen Sie hier. Eine tabellarische Übersicht finden Sie auf der nächsten Seite. Denn: Kołobrzeg (Kolberg) machte viele Veränderungen durch. Einen vollständigen Überblick über die Geschichte findet man in Büchern, auf die wir am Artikelende hinweisen. Doch nun zur bewegten Geschichte der Stadt.
Schon im Jahr 1.000 wurde ein Bischofssitz eingerichtet, rund 250 Jahre danach war es die erste Stadt in Pommern mit Stadtrechten. Dank des natürlichen Hafens gab es eine gute wirtschaftliche Entwicklung, das Salzsieden sorgte ebenfalls bis zur Konkurrenz durch andere Salzgewinnungsmethoden für gute Gewinne. Der Festungscharakter der Stadt, dazu unten mehr, wurde bis zum Jahr 1872 immer weiter verstärkt. Ab 1872 entwickelte sich der Kurort Kolberg. Straßennetz und Grundstruktur wurden auch bei den Wiederaufbauten den Stadtstrukturen des Mittelalters folgend errichtet.
Strategisch wichtig
Dort, wo die Innenstadt Kołobrzeg heute zu finden ist, wurde Kolberg nicht gegründet. Siedlungen gab es zwei, eine davon sehr nah am heutigen Zentrum: Auf der Salzinsel, die von der Stadt aus gesehen hinter dem Fluss Parsęta (Persante) liegt. Die andere Siedlung ist der heutige Vorort Budzistowo, der einige Kilometer entfernt liegt. Dort gibt es noch einige Dinge zu besichtigen, zum Beispiel ein Schloss und eine Kirche. Budzistowo, das frühere Kolberg, entwickelte sich dynamischer als die andere Siedlung auf der Salzinsel. Die Lage bot offenbar zahlreiche Vorteile, insbesondere hinsichtlich der Verteidigung. Budzistowo, das übersetzt 'Altstadt' bedeutet, entwickelte sich für damalige Zeiten schnell und wurde eine Burgstadt. Erst im Rahmen des Zuzugs von Siedlern aus dem heutigen Deutschland, die auch Rechtesysteme und Technologien importierten, entstand dort, wo heute Kołobrzeg zu finden ist, eine weitere Siedlung. Diese wiederum überholte das 'alte Kolberg' rasch in der wirtschaftlichen Entwicklung und erhielt schnell sogar ein anerkanntes Stadtrecht, das dem der Stadt Lübeck ähnelte. Slawische und deutsche Siedler kamen in Kolberg ziemlich gut miteinander aus, sogar unter den herrschenden Klassen in der früher sehr bekannten Stadt gab es keine Vorbehalte. Beispielsweise wurden die beiden Deutschen Bischof Reinberg (ein Bischof für Deutsche und Slawen) und Otto von Bamberg mit Missionsaufgaben nach Pommern – und auch nach Kolberg – geschickt: und zwar von polnischen Herrschern. Im ersten Fall von Bolesław dem Tapferen, im zweiten Fall von Bolesław Schiefmund.
Dank der attraktiven Lage, dem Hafen und vor allem der Sole zur Salzgewinnung gelang es der Stadt immer wieder, zu Geld zu kommen. Das Braunschweigsche Haus beispielsweise entstand Mitte des 17. Jahrhunderts im Auftrag einer reichen Kaufmanns- und Reederfamilie. Später erbte die Ratsfamilie von Braunschweig, ursprünglich aus Braunschweig nach Kolberg gekommen, das heute als Stadt- und Heimatmuseum genutzte klassizistische Gebäude und prägte den Namen. Diese Familie war durch den Handel mit Salz zu viel Geld gelangt. Es gab zahlreiche ähnlich reicher Stadtbewohner mit ähnlich herrschaftlichen Häusern.
Wirtschaftlich und kulturell spielte Kolberg damit in einer Liga, die mit Krakau und Breslau vergleichbar war. Vom 14. bis Anfang des 17. Jahrhunderts beispielsweise war Kolberg Hansestadt. Schon lange vorher bestand dort ein Bistum. Diese Attraktivität Kolbergs war auch ein Grund, weshalb die Kirche wie auch die jeweiligen Herrscher diesen strategisch wichtigen Posten mit hochkarätigen Gesandten besetzten. Die Konsequenz war auch klar: Bei jedem Herrscherwechsel ging es Kolberg an den Kragen, da die Macht über Kolberg strategisch wichtig war. Ein Effekt dessen waren stetig hochgerüstete Festungsanlagen, von denen heute noch das eine oder andere Überbleibsel zu erkennen ist. Zum Beispiel die Wolfsbergschanze, der Pulverturm, die Waldenfelsschanze, die Grundmauern des Fort Münde unter dem heutigen Leuchtturm, die Morast- und die Salinen-Redoute oder die ehemalige Militärschule neben dem heutigen Kaufhaus Bryza. Auch wenn jedes Jahrhundert mehr oder weniger seine Interpretation der idealen Festung und Absicherung der Stadt auf die oft vorher zerstörte Version baute, so findet sich – auch nach den sehr drastischen Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges – doch noch die eine oder andere gut sichtbare Spur.
Zerstörung und Aufbau
Beispielsweise wurde während des dreißigjährigen Krieges (1618-1648) dank Plünderungen, Brandstiftungen und Pest unrühmlich der wirtschaftliche Verfall und die Entvölkerung Kolbergs erreicht, im siebenjährigen Krieg (hier in 1761/1762) wurde Kolberg durch russische Truppen besetzt und 1807 zerstörten napoleonische Truppen unter anderem das Rathaus. Doch im negativen Sinne unvergleichlich in der Geschichte ist die Zerstörung der Stadt im Zweiten Weltkrieg: Rund 90 Prozent der Stadt galten nach dem Zweiten Weltkrieg als zerstört, es verblieben nur etwa fünf Prozent der vorherigen Einwohnerzahl. Dieser Schock wirkt heute noch nach und erklärt auch, warum von den einstmals prunkvollen Gebäuden aus der goldenen Zeit der Stadt, dem Strandschloss und den pittoresken Motiven alter Postkarten von Cafés, Parks und Anlagen kaum noch etwas zu erkennen ist. Wie wichtig für Polen der nach dem Krieg in Kolberg wieder gewonnene Zugang zum Meer war, ruft heute das 'Denkmal zur Vermählung Polens mit dem Meer' bei jedem Spaziergang entlang der Strandpromenade in Erinnerung. Denn Polen war während des Zweiten Weltkriegs lange ohne Hafen. So war selbst der zerstörte Kolberger Hafen wertvoll.
Nichtsdestotrotz hat, und das verdient definitiv Bewunderung, Kolberg auch nach 1945 wieder alte Stärken aufgegriffen und beispielsweise den Erholungs- und Kurbetrieb – heute auch als Wellness modernisiert – etabliert. Die kommunistische Ära hinterließ architektonische Spuren: Ja, wenn aber auch nicht immer typische. Das ursprüngliche Bebauungskonzept mit effizienten und damals modernen elfstöckigen Plattenbauten wurde nur teilweise realisiert; es folgte dann die Umsetzung eines Bebauungsplanes, der eine heute bunte und eigenständige neue Altstadt (Polnisch: Starówka) präsentiert. In dieser Altstadt finden sich nachgebaute Stile verschiedenster Art, integrierte alte Festungsanlagen und im Krieg weniger beeinträchtigte wirklich alte Häuser sowie Parkanlagen im Stil der goldenen Jahre.
Geschichte des Kurens
Ach ja: Kuren – die Aura des Bekanntmachers des Kurens, Hans von Held, der in seiner Haft in der Kolberger Festung über die positiven Effekte des Meeresbadens publizierte, wirkt offenbar noch nach: Waren es auch Personen wie der Maurer Gottlieb Keutel und der heute als Vater der Kolberger Kuren gehandelte Dr. Moses Behrend, die das Kuren mit Kolberger Moor und Sole entwickelten, so sorgte besagter Hans von Held für das Marketing: und zwar mit seinem Büchlein und der Aussage, er habe dem Meeresbaden seine Gesundheit zu verdanken. Das ist insofern erwähnenswert, als in der Gesellschaft zuvor Meeresbäder mit Lastern wie Alkoholismus und Unsittlichkeit verglichen wurden und als gesundheitlich schädlich galten.
Auch heute noch zählen Kołobrzeger Moor- und Sole-Behandlungen zum gehobenen Kuren und Wellnessgeniessen. Sogar Mineralwasser mit Heilwirkung wurde zum Verkaufsschlager, und spielt heute noch eine Rolle. Jantar ist die Marke, die heute noch in den Läden und Restaurants zu konsumieren ist. Was sich auch trotz der wechselhaften Herrscher- und Militärgeschichte nicht geändert hat, ist das Klima: Nicht nur Wissenschaftler wollen nachgewiesen haben, dass Kołobrzeg zum einen die meisten Sonnentage habe und zum anderen auch den stärksten Wellenschlag der Ostseeküste und gute Luft biete. Zusammen mit Salz, Moor und schönen Stränden boten diese Rahmenbedingungen in der dynamischen Geschichte immer wieder Halt, Entwicklungspotenzial und Anziehungseffekte für Urlauber - und werden dies auch in Zukunft tun.
Literaturtipps
Es gibt durchaus empfehlenswerte deutschsprachige Literatur zu Kolobrzeg (Kolberg): Beispielsweise ist 'Das tausendjährige Kolberg – ein Stadtführer' recht gut erhältlich: ob in Buchhandlungen vor Ort oder bei Online-Buchhändlern (dann meist gebraucht). Empfehlenswert, wenn auch mit einem recht kompakten Kolberg-Teil, ist der Reiseführer 'Polnische Ostseeküste' aus dem Michael Müller Verlag, ebenso wie der Reiseführer 'Polnische Ostseeküste' aus dem Trescher-Verlag. Für die rein historische Betrachtung interessiert Sie möglicherweise 'Kolberg. Führer durch eine untergangene Stadt'. Auch gut, aber schwer zu bekommen: 'Geschichte der Stadt Kolberg' von J.voelcker. Fotobände mit Bildern alter Postkarten, historische Aufarbeitungen und kurze zusammenfassende Bände sind aus Deutschland kaum zu bekommen - eine gute Quelle für den Einkauf ist der Museums-Shop des Stadtmuseums und auch die eine oder andere Touristeninformation der Stadt.
Zu guter Letzt in Sachen Literatur: Leuchtturmfans finden Informationen über den Kolberger Leuchtturm, der auch unser Logo prägt, im 'Lexikon der Leuchttürme'.